Hintergründe und Tatsachen
In den kommenden fünf Jahren steht bei rund 300.000 mittelständischen Unternehmen der Wechsel in der Unternehmensführung an. Experten rechnen damit, dass weniger als 50 Prozent dieser Unternehmen innerhalb der Familie übertragen werden. In fast 30 Prozent der Fälle wird mit der Stilllegung dieser Betriebe gerechnet, da keine geeignete Nachfolgeregelung existiert. Hierdurch ergeben sich bislang ungenutzte Chancen für engagierte Gründerinnen und Gründer, die die Übernahme eines bereits bestehenden Betriebes als Alternative zur Neugründung in Erwägung ziehen.
Die Online-Nachfolgebörse ist eine Gemeinschaftsinitiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi), der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) Mittelstandsbank, des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken und des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Es handelt sich um die erste Institutionen übergreifende Initiative, die sich die Aufgabe gestellt hat, bundesweit den Kontakt zwischen Übernehmern und Übergebern herzustellen.
Die folgenden Informationen sollen Ihnen erste wichtige Hilfen für eine Übernahme geben. Sie bieten einen systematischen Einstieg in das komplexe Thema - von den ersten Überlegungen und Erkenntnissen über inhaltliche Aspekte bis hin zur Vorgehensweise. Dabei werden vor den allgemeinen Gründungsfragen die Besonderheiten einer Gründung durch Übernahme herausgestellt.
Unternehmensnachfolge = Existenzgründung
Wir möchten Ihren Blick auch auf die Sichtweise des bisherigen Unternehmers bzw. der Unternehmerin lenken, denn eine gelungene Nachfolge soll immer beide Seite zufrieden stellen. Versetzen Sie sich einmal in seine oder ihre Position und lernen Sie typische Denkweisen und Argumente kennen.
- Können Sie sich vorstellen, auf dem Lebenswerk eines anderen aufzubauen, oder schaffen Sie sich lieber selbst Ihr Unternehmen?
- Glauben Sie, dass eine Übernahme zeitlich weniger belastet als eine Neugründung, oder müssen Sie als Nachfolger mehr Zeit einplanen?
- Hoffen Sie auf eine Unternehmensstruktur, die Ihnen den Einstieg erleichtert, oder setzen Sie in einem Unternehmen lieber selbst die Akzente?
- Wo erwarten Sie das höhere Investitionsvolumen: bei der Neugründung oder bei der Übernahme?
- Glauben Sie, dass eine Übernahme die leichtere Form der Gründung ist, oder befürchten Sie auch Einschränkungen und Nachteile?
- Können Sie entscheiden, was für Sie attraktiver ist: Neugründung oder Übernahme?
- Glauben Sie an Ihre Freiheit als neuer Inhaber oder wissen Sie, dass bei einer Übernahme mitunter mehrere Köche im Brei rühren?
Die Kardinalfrage
Warum bei Adam und Eva anfangen, wenn doch bereits alles vorhanden ist? Die Übernahme eines bestehenden Betriebes bietet enorme Chancen. Beginnend bei dem bereits existierenden Standort des Unternehmens über Produkte und Kunden bis hin zur Anzeigenkampagne, mit der sich das Unternehmen ins rechte Licht rückt, ist bereits vieles vorhanden, was bei einer Neugründung erst mühsam aufgebaut werden muss.
Jedoch birgt die Übernahme auch Risiken. Die Gründe für Misserfolge sind vielfältig. Oftmals liegen die Ursachen in der falschen Einschätzung der übernehmenden Person, die wohl dachte, sich ohne Mühe in ein gemachtes Nest setzen zu können. Oder aber das Erfolgspotential des Unternehmens wird für die Zukunft falsch eingeschätzt.
Vorteile einer Übernahme
- Das Unternehmenskonzept wird bereits gelebt und existiert nicht nur auf dem Papier.
- Standort, Produkte und - noch wichtiger - ein Kundenstamm sind bereits vorhanden.
- Die mühsame und gefährliche Startphase einer Neugründung entfällt.
- Die Perspektiven für bestehende und neue Ideen lassen sich qualifizieren, das Risikopotential schärfer eingrenzen.
- Ein eingespielter Apparat mit einer erfahrenen Führung erleichtert - zumindest in einer Übergangsphase - den Einstieg.
- Übernahmen werden finanziell gefördert wie Neugründungen.
Nachteile einer Übernahme
- Das Unternehmen ist geprägt von seinem bisherigen Inhaber, was Ihren Einstieg erschweren kann.
- In aller Regel sind Neuinvestitionen notwendig, weil die vorhandenen Strukturen nicht dem aktuellen Stand entsprechen.
- Verkrustete Strukturen und langjährige Mitarbeiter lassen selbst kleinste Veränderungen zu Pionieraufgaben werden.
- Sie übernehmen mit dem Unternehmen auch einzelne Mitarbeiter, Kunden und Produkte, die nicht in Ihr Konzept passen.
- Generationswechselkonflikte können dazu führen, dass interne Auseinandersetzungen wichtiger werden als die Wünsche der Kunden.
Die Festlegung von Zielen als Fundament zum Erfolg
Sicher werden Sie sich die Entscheidung zur Betriebsübernahme als Ihre Form der Existenzgründung nicht leicht machen. Die Leitung eines Unternehmens ist kein Job, den Sie problemlos wieder kündigen können. Vor allem die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vertrauen darauf, dass das Unternehmen ihnen auch unter einem neuen Management einen sicheren Arbeitsplatz bieten kann. Ihre Entscheidung hat auch weit reichende wirtschaftliche Konsequenzen für Sie, die eine Umkehr erschweren. Sie sollte deshalb wohl überlegt sein. Die eigenen Ziele und Motive zu kennen ist dabei eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg.
Beurteile ich das Unternehmen realistisch?
Jeder, der etwas verkaufen möchte, stellt sein Produkt so positiv wie möglich dar, unabhängig davon, ob es sich um ein ganzes Unternehmen oder um Waschpulver handelt. Er wird es deshalb in höchsten Tönen loben. Außerdem: Wer einen Betrieb selbst aufgebaut hat und wessen Herz daran hängt, bewertet sein Unternehmen selten rational.
Umso wichtiger ist es für Sie, sich ein genaues und vor allem realistisches Bild von der Situation und den Chancen des Betriebes zu machen. Fundierte Fachkenntnisse sind hier unabdingbar. Ihre kaufmännischen Kenntnisse sollten so gut sein, dass Sie das Zahlenmaterial genau analysieren können. Aber auch die Fakten, die Sie nicht in der Bilanz finden, etwa den guten Ruf des Hauses oder die Zufriedenheit von Kunden und Mitarbeitern, lassen sich überprüfen. Stützen Sie sich dabei nicht nur auf die Informationen des Unternehmers, aber finden Sie auch die richtigen Worte, um auf den (zumeist Älteren) zuzugehen.
- Sind Ihre beruflichen Erfahrungen ausreichend für eine Übernahme oder stehen Sie erst am Anfang Ihrer beruflichen Laufbahn?
- Können Sie sich selbst realistisch einschätzen oder benötigen Sie eine unterstützende Beurteilung durch neutrale Dritte?
- Sind Sie bereit, sich einem Unternehmen anzupassen, oder wollen Sie den Betrieb in Ihrem Sinne umkrempeln?
- Wissen Sie, was finanziell bei einer Übernahme auf Sie zukommt, oder haben Sie eher eine vage Vorstellung?
- Sind Sie sich bewusst, dass Sie außer dem Kaufpreis weitere Investitionen tätigen müssen, oder glauben Sie, auch ohne auskommen zu können?
- Wissen Sie, was alles zu einer Nachfolgeregelung gehört, oder benötigen Sie weiterführende Informationen?
- Ist Ihre Familie für den Fall des Scheiterns abgesichert oder setzen Sie nur auf den Erfolg bei der Übernahme?
- Ist es sinnvoll, heute bereits mit einer sozialen Absicherung zu beginnen, oder stecken Sie lieber jeden Euro in den Betrieb?
Übernehmen - kann ich das?
Trotz guter Ausbildung und umfangreicher Berufserfahrung stehen Nachfolger wie auch Gründer zunächst vor der gleichen Frage: Bin ich eigentlich für die Selbständigkeit geeignet? Bin ich ein Unternehmertyp? Werde ich es schaffen? Das sind typische Unsicherheiten, wie sie in vielen Gründerbroschüren intensiv diskutiert werden. Bei der Unternehmensnachfolge kommen einige spezifische Besonderheiten hinzu. Eines wird Ihnen vermutlich bereits klar sein: Den idealen Nachfolger gibt es nicht. In jedem Unternehmen sind andere Qualifikationen gefragt, die der Nachfolger oder die Nachfolgerin mitbringen muss. So vielfältig die Unternehmen hinsichtlich Branche, Größe und Umfeld sind, so unterschiedlich sind auch die Anforderungen, die sie an die Leitung stellen, um weiterhin im Wettbewerb bestehen zu können.
Einige Eigenschaften und Fähigkeiten sind für eine erfolgreiche Übergabe jedoch sehr hilfreich. Dazu gehören neben fundiertem Fach- und Führungswissen vor allem Toleranz und Feingefühl im Umgang mit Menschen sowie unternehmerische Weitsicht. Überdenken Sie dies kritisch, aber gehen Sie mit Mut an eine Übernahme: Mit der richtigen Vorbereitung ist jede Unternehmensnachfolge eine interessante Alternative zur Neugründung.
Können Sie sich eine Übernahme leisten?
Das Thema Finanzen ist bei der Übernahme eines Unternehmens in mehrfacher Hinsicht bedeutsam. Die Finanzierung des Kaufpreises ist dabei nur ein wichtiger Aspekt. Zunächst müssen Sie eine persönliche Bestandsaufnahme durchführen.
- Welchen Betrag benötigen Sie monatlich, um Ihre laufenden Ausgaben zu decken? Dazu gehören nicht nur Ihre Lebenshaltungskosten, sondern auch Ihr Auto, Ihr Urlaub, die Versicherungen und die Finanzierung Ihrer Hobbys.
- Wie viel Reserven haben Sie zur Absicherung Ihrer Familie? Wer gehört alles dazu und wie sieht die Zukunft aus? Werden Ihre Kinder mehr Unterstützung benötigen, wenn Sie zum Beispiel eine Ausbildung beginnen? Müssen Sie sich vielleicht zusätzlich um Ihre Eltern kümmern?
- Wie lange können Sie in Krisenzeiten ohne laufendes Einkommen auskommen? Kann Ihr Partner Sie eine Zeit lang unterstützen oder haben Sie andere Einnahmequellen, die Sie heranziehen können?
Nachfolgen heißt nicht (unbedingt) folgen
Mit dem Stabwechsel beginnt im Unternehmen eine neue Ära. Manche werden den Machtwechsel im Haus begrüßen, andere werden den neuen Zeiten skeptisch entgegensehen. Machen Sie sich darauf gefasst, dass der Unterschied zwischen "Ärmel hochkrempeln" und "Selber machen" groß ist. Die Bewältigung des Tagesgeschäftes fordert gerade in der Anfangsphase mehr Zeit und Kraft, als Sie erwarten.
Fachleute bezeichnen dies als Phase, in der sich die Spreu vom Weizen trennt. Wer hier seine Ziele nicht aus den Augen verliert und konsequent an seinen Plänen arbeitet, hat am ehesten Erfolg.
- Kennen Sie die verschiedenen Möglichkeiten, ein geeignetes Unternehmen zu finden, oder hoffen Sie auf den berühmten Zufall?
- Wissen Sie bereits, wie Sie bei der Nachfolgeregelung vorgehen werden, oder machen Sie gerade die ersten Schritte?
- Halten Sie eine Unternehmensübernahme für unkompliziert oder sind die einzelnen Aufgaben für Sie unübersichtlich.
- Können Sie sich vorstellen, eine Zeit lang parallel mit dem bisherigen Inhaber zu arbeiten, oder wollen Sie alleine das Sagen haben?
- Glauben Sie, dass Sie bei der Übernahme Ihre Vorstellungen durchsetzen können, oder erwarten Sie Konflikte?
- Suchen Sie nach dem perfekten Unternehmen oder sind Sie bereit, einen Betrieb erst zum Erfolg führen zu müssen?
- Haben Sie eine Vorstellung von den ersten Tagen im Betrieb oder warten Sie erst einmal ab, was da kommt?
Die Nachfolgebörse der Gemeinschaftsinitiative nexxt-change
Geeignete Unternehmen können Sie auf der Webpage der Gemeinschaftsinitiative suchen. Außerdem können Sie zu Ihrer Industrie- und Handelskammer oder Handwerkskammer gehen und dort persönlich mit einem der Berater nach einem geeignetem Unternehmen suchen. Auch einige Kreditinstitute bieten diese persönliche Kontaktmöglichkeit an.
Der Blick für die Realität
Trotz aller Übernahmeeuphorie sollten Sie der Wirklichkeit ins Auge sehen. Neben den Vorteilen einer Übernahme berichten Nachfolger auch immer wieder mit Erstaunen von Schwierigkeiten, mit denen sie nie gerechnet haben. Je mehr Sie sich auf unvorhergesehene Schwierigkeiten einstellen, umso besser werden Sie damit in der Praxis umgehen können.
Wie stellen Sie sich im Unternehmen vor?
Und wenn es dann so weit ist? Die Finanzierung steht, die Verträge sind geschrieben und der Tag X ist da? Kein Unternehmen kann auf ein Team verzichten, um ein Geschäft erfolgreich zu führen. Ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind diejenigen, die Ihren künftigen Erfolg maßgeblich beeinflussen. Sie sollten sie darüber informieren, wie Sie Ihr Unternehmen leiten möchten. Stellen Sie sich persönlich vor und betreiben Sie von Anfang an eine offene Informationspolitik. Das schafft Vertrauen und verhindert Geheimniskrämerei, Mutmaßungen und Misstrauen. Fragen Sie, wenn Sie etwas nicht wissen. Getreu dem Motto "Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen" zeigen Sie damit Ihren Willen zum gegenseitigen Lernen im Interesse des Unternehmens.